Lesung mit Theresa Hannig

Sozialpunkte und verbotener Fleischgenuss

„Wen sollten meine Daten denn wirklich interessieren?“ „Hat man als Einzelne eine Chance sich zu wehren, wenn rundherum alle mitmachen?“ So oder so ähnlich lauteten die Fragen der Schülerinnen nach der Lesung von Theresa Hannig, die am 6. Juni in der Bibliothek des Marien-Gymnasiums ihren Roman „Die Optimierer“ vorstellte. Immer wieder unterbrach die junge Autorin ihre Lesung, um mit den Zehntklässlerinnen den denkbaren Fortgang der Geschichte variantenreich zu diskutieren.

Und die Geschichte hat es in sich. Denn was als bedrohliche Zukunftsvision gedacht war, wird heute bereits praktiziert. So sollen demnächst die Menschen in China permanent überwacht und ihr Verhalten mit Plus- oder Minuspunkten bewertet werden. Die Maßstäbe für erwünschtes oder unerwünschtes Verhalten setzen aber allein die Herrschenden fest. Mag sein, dass damit manche Gefahren ausgeschaltet werden können, aber was auf der Strecke bleibt, ist die Freiheit.

 

Ganz ähnlich im Roman: In einer fiktiven Bundesrepublik Europa regelt der Staat das Leben seiner Bürger vollständig in Form einer „Optimalwohlökonomie“. Da Arbeit in ihrer herkömmlichen Form kaum mehr notwendig ist, haben die Menschen eigentlich größte Freiheiten, ihr Leben sinnvoll und selbstbestimmt zu führen und tatsächlich wirkt der Alltag eher leicht und sehr bequem. Hinter der entspannten Fassade herrscht aber eine gnadenlose und reibungslos funktionierende Wohlfühldiktatur. Sie bestimmt über Karrieren, Lebenschancen und sinnstiftende Tätigkeiten. Der Held der Geschichte, der in München lebt und arbeitet, verstößt -  ohne es zu wollen – gegen die Regeln und erleidet einen dramatischen persönlichen und gesellschaftlichen Absturz.

Datenmissbrauch und Datenschutz – näher kann man eigentlich nicht an der Realität junger Menschen sein. Deshalb bewegte sich die Diskussion auch ausschließlich in diesen Bahnen, obwohl es genügend Ansatzpunkte für andere, z.B. literarische Fragestellungen gegeben hätte.  Da der Roman das Erstlingswerk von Theresa Hannig ist, wäre sie auch eine ideale Gesprächspartnerin gewesen, um über den schwierigen Einstieg in die Welt des Literaturbetriebs zu reden.

Dass eine so hautnahe Begegnung mit Autoren immer wieder möglich ist, verdankt die Schule den Initiatoren des Allgäuer Literaturfestivals, denen es jedes Jahr gelingt, ein bewundernswertes Literaturprogramm auf die Beine zu stellen und der Kaufbeurer Sparkasse, die solche Begegnungen tatkräftig unterstützt.

Am Ende waren alle zufrieden: die engagierte Autorin, das aufmerksame Publikum  und die Organisatoren, denen immer wieder vor Augen geführt wird, wieviel Lust und wieviel Erkenntnisgewinn Literatur auslösen kann. Was aber auch blieb, war die tiefe Beunruhigung über die technischen Möglichkeiten und die Bedeutung des neuen Rohstoffs – Daten!

Dr. Ulrich Klinkert

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